Ausgerechnet durch den schmalen Spalt zwischen alten Gehwegplatten und einer Parkbucht in meiner Straße haben sich diese Schopf-Tintlinge (Coprinus comatus) gezwängt (Danke für den Tipp zu genauen Bestimmung bei Facebook.) Einige Tag später hingen nur noch dunkle, tintenfarbige Fetzen an den Stielen. Früher hat man aus der zu Boden tropfenden Flüssigkeit dokumentenechte Tinte hergestellt, daher der Name.

Verbreitung durch Selbstauflösung

Die Köpfe verdauen sich selbst, ein Prozess der Autolyse heißt. Lamellen und Hut fallen ihm rasch zum Opfer. Das geschieht ohne die Beteiligung von anderen Lebewesen und dient der Verbreitung der Sporen. Die tropfen mit der Flüssigkeit herab und werden dann mit Wind und Staub in der Umgebung verteilt. 

Jäger und Fleischfresser

Die Pilzköpfe der Tintlinge sind die Fruchtkörper eines unterirdisch lebenden viel größeren Wesens. Das gehört zu den Fleischfressern. Auf dem Speiseplan von Tintlingen stehen unter anderem mikroskopisch kleine Fadenwürmer. Die sind sehr beweglich, weshalb der Pilz sie mit einem Gift lähmt, um sie zu erbeuten. Die Pilzhyphen, die den Pilz-Organismus im Boden bilden, können die gelähmten Tierchen dann in Ruhe aussaugen. Über der Erde wie unter der Erde gilt: Ohne Sterben gibt es kein Leben. 

Über die Autorin

Susanne Dohrn lebt als Autorin und freie Journalistin in einem alten Garten in Schleswig-Holstein. 2017 erschien ihr Buch „Das Ende der Natur: Die Landwirtschaft und das stille Sterben vor unserer Haustür“ (Ch.Links Verlag, Taschenbuchausgabe 2018 im Herder Verlag), 2019 veröffentlichte sie „Der Boden: Bedrohter Helfer gegen den Klimawandel“ (Ch.Links Verlag). Im November 2020 erhielt das Buch den Salus-Medien-Sonderpreis, mit dem das Unternehmen "herausragende journalistische Beiträge ... zu Gentechnik, Ökologie und Umwelt" auszeichnet.

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