Im Baum raschelt es leise, und eine weitere hellbraune Frucht fällt mit einem leisen Plumps auf den Boden. Es knackt unter den Schuhen, unter Fahrrad- und Autoreifen. In diesem Jahr haben unsere heimischen Stieleichen (Quercus robur) Samen im Überfluss produziert. Wege, Bürgersteige, Straßen liegen voll mit den energiereichen Früchten. Ab und zu kann man ein Eichhörnchen (Sciurus) dabei beobachten, wie es eine Eichel ins Maul nimmt, wegträgt und an einem anderen Ort als Notration für den Winter vergräbt. Mastjahre heißen Herbstmonate mit vielen Eicheln. Der Name stammt aus Zeiten, als Bauern ihre Schweine im Wald mästeten und sich freuten, wenn die sich an den Eicheln dick und rund fraßen.

Kräftezehrende Samenproduktion

Wenn es viele Eicheln gibt, wird der Winter lang und kalt, sagt mein über 90jähriger Vater. Das klingt so, als „wüssten“ die Bäume schon im Frühjahr wie der Winter werden wird und sorgen deshalb mit reichlich Futter für die Tiere vor. Aber so vorausschauend handelt die Natur nicht. Das Phänomen hat vor allem mit dem Wetter zu tun. Wenn die Blüten im Frühjahr erfrieren, setzen die Bäume wenige Früchte an, aber dafür mehr Blütenknospen für das kommende Jahr. Stimmt im nächsten Frühjahr dann das Wetter, gibt es im Herbst viele Eicheln. Die Massenproduktion kostet den Baum so viel Kraft, dass er in den folgenden Jahren wieder wenige Blüten ansetzt. Solche Mastjahre bei Eichen gab es früher alle sechs bis zehn Jahre. Heute ist es häufiger. Ursache ist vermutlich der Klimawandel.

Überfluss- und Mangeljahre

Mastjahre sorgen außerdem dafür, dass mehr Tiere den Winter überleben, die von den Eicheln leben. Ihr Bestand steigt an. Gibt es im folgenden Jahr weniger Eicheln, werden sie wieder dezimiert. Das ist im Sinne der Bäume, deren Interesse es ist, dass genügend Nachkommen überleben, um den Bestand der Art zu sichern. Das geschieht vor allem in Mastjahren. Dann verstecken Eichhörnchen oder Vögel wie Eichelhäher (Garrulus glandarius) so viele Früchte, dass sie längst nicht alle wieder finden. Aus denen wachsen dann an neuer Stelle neue Eichen. Bis ein solcher Baum zum ersten Mal Früchte trägt, muss er 50 bis 80 Jahre alt werden. Bäume sind Vorbilder: Sie lehren uns Geduld und langfristiges Denken.

Über die Autorin

Susanne Dohrn lebt als Autorin und freie Journalistin in einem alten Garten in Schleswig-Holstein. 2017 erschien ihr Buch „Das Ende der Natur: Die Landwirtschaft und das stille Sterben vor unserer Haustür“ (Ch.Links Verlag, Taschenbuchausgabe 2018 im Herder Verlag), 2019 veröffentlichte sie „Der Boden: Bedrohter Helfer gegen den Klimawandel“ (Ch.Links Verlag). Im November 2020 erhielt das Buch den Salus-Medien-Sonderpreis, mit dem das Unternehmen "herausragende journalistische Beiträge ... zu Gentechnik, Ökologie und Umwelt" auszeichnet.

Vielleicht gefällt dir auch das: