Vor den Supermärkten, in den Gartenzentren, überall stehen sie derzeit hundertfach, kleine Töpfe mit Narzissen. Manche sehen aus wie Miniaturausgaben, andere kombinieren Weiß mit Orange, Gelb mit Orange oder Weiß mit Gelb wie auf dem Foto oben. Die Züchter denken sich immer wieder neue Varianten aus. Ich mag sie alle, aber ich liebe nur eine: Rip van Winkle heißt sie, eine historische Sorte, die Ende des 19. Jahrhunderts irgendwo in Irland entdeckt wurde.

Rip von Winkle wird etwa 15 Zentimeter hoch und steht, anders manche hochwüchsige, auch bei Wind sehr stabil.

Ihre dicht gefüllten Blüten stehen auf kurzen Stängeln. Mein gelber Wirbelwind wirkt ein bisschen wie aus der Zeit gefallen, die der Namensgeber Rip van Winkle. Rip ist der Titelheld einer amerikanischen Kurzgeschichte. Er schläft 20 Jahre lang, verpasst den Unabhängigkeitskrieg der Vereinigten Staaten und erwacht mit Zottelbart in einer völlig veränderten Welt – ein bisschen so wie meine gefüllten Narzissen. Als sie vor Jahrzehnten gepflanzt wurden, lag mein Garten in einem Dorf. Inzwischen wurde aus dem Dorf eine Stadt. Der Garten aber ist geblieben, fast unverändert und die Rip von Winkels blühen Jahr für Jahr.

Über die Autorin

Susanne Dohrn lebt als Autorin und freie Journalistin in einem alten Garten in Schleswig-Holstein. 2017 erschien ihr Buch „Das Ende der Natur: Die Landwirtschaft und das stille Sterben vor unserer Haustür“ (Ch.Links Verlag, Taschenbuchausgabe 2018 im Herder Verlag), 2019 veröffentlichte sie „Der Boden: Bedrohter Helfer gegen den Klimawandel“ (Ch.Links Verlag). Im November 2020 erhielt das Buch den Salus-Medien-Sonderpreis, mit dem das Unternehmen "herausragende journalistische Beiträge ... zu Gentechnik, Ökologie und Umwelt" auszeichnet.